Boten-Teil: Drachenhainer Herold

Tod einer Arazsla

Um die Gedankenwelt und Vorstellungen, die Verhaltensweisen und Prioritäten eines Volkes zu verstehen, ist ein Blick auf seine Religion sicher interessant und hilfreich. Als ich als gläubige Ogedin durch die Arazsla Atma in die Sippe der Lotrac vom Stamm der Lenmeri aufgenommen wurde, war ich gespannt und neugierig, mehr über den Glauben der Borharcôner zu erfahren.
Ihr Schüler Kemren hatte mir damals angedroht, was jenen passieren könne, die nicht dem Ruf eines Arzsluk folgen. So war ich froh, dass mich Atmas Traumbote ereilte, als ich mich bereits auf dem Weg nach Gösta befand, um dort erstmals am großen Stammestreffen teilzunehmen. Dieses wurde jedoch aufgrund von Überschwemmungen abgesagt, und so traf ich mich mit meiner neuen Sippe in der mir bereits bekannten Siedlung Orlatas.
Die Ereignisse dort, die zum Bruch des Waffenstillstandes führten, sollen an anderer Stelle berichtet werden, hier stehe der Glaube der Borharcôner im Vordergrund.

Der größte Unterschied zu unserer Religion ist wohl, dass die Borharcôner an die Wiedergeburt glauben, wenn es auch nicht so einfach ist, wie es klingt. Bei den Ogeden gelangt die Seele nach dem Tod bekanntermaßen zu Helios, der über sie urteilt. Je nachdem erhält sie einen Platz als Stern am Himmel, in Poenas Garten oder an Saarkas Kriegertafel. Im schlimmsten Falle wird sie vom Untier Zyberus verschlungen. Wie auch immer, so scheint es doch, dass die Verstorbenen nach ihrem Tod kaum mehr Interesse an der Welt der Lebenden zeigen.
Ganz im Gegensatz dazu teilt sich der Geist der Borharcôner in drei Teile auf, von denen einer als Ahnengeist zurückbleibt und weiterhin am Leben seiner Sippe teilnimmt. Diese Taal-Seele kann von den Schamanen, genannt Arazslaken, gerufen und um Hilfe gebeten werden. Berühmte Ahnen haben entsprechend Macht und werden hoch verehrt, sie können in Gegenständen und Erinnerungsstücken wohnen.
Die zweite Seele ist für das Leben an sich, Atmung, Herzschlag, Wärme und dergleichen zuständig, das, was bei uns auch scherzhaft „Lebensgeister“ genannt wird. Diese Amnu-Seele fliegt beim Tod in den Weltenbaum und wartet dort auf die Wiedergeburt, um einen neuen Körper zu beleben.
Die dritte, die Sal-Seele beherbergt die eigentliche Persönlichkeit. Die Sal-Seele bildet mit einer Amnu-Seele eine neue Einheit, eine weitere Taal-Seele entsteht, und der Borharcôner-Geist ist wieder vollkommen. Angeblich können sich die Sal-Seelen an ihre vorigen Leben erinnern. Ich habe jedoch noch keinen Borharcôner getroffen, der mir entsprechende Erlebnisse erzählt hätte.
Außerdem, um die Sache noch verwirrender zu machen, besitzen die Arazslaken eine vierte Seele, die sie bei ihrem Tod an ihren Nachfolger weitergeben, was ich eindrucksvoll erleben konnte.
Ich begegnete selbst auch einem Wesen, das ein uraltes Artefakt hütete, aber keinesfalls ein lebendiger Mensch war. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich dabei um einen Ahnengeist oder eine Sal-Seele in menschlicher Gestalt handelte, sie hatte jedenfalls viel Persönlichkeit.

Die Welt stellen sich die Borharcôner in drei Teilen vor, der Ober-, der Unter- und der Mittelwelt, in selbiger wir uns befinden. Ober- und Unterwelt sind dabei in je sieben Ebenen aufgeteilt. Je weiter man sich von der Mittelwelt entfernt, um so weniger ähneln die Ebenen unserem Diesseits. Konkret konnte ich nur erfahren, dass sich in der siebten Ebene der Unterwelt die Yurtenstadt befindet, in der die verlorenen Seelen hausen, die der „Schwarzen Mutter“ dienen. Den Arazslaken ist es möglich, mit Hilfe von Tiergeistern die Ebenen zu bereisen. Zusammengehalten werden all diese Ebenen durch den Weltenbaum, den man sich als eine Art Nabel oder Achse vorstellt.
Da der Ogedische Glaube das Reich der Götter, Saarkas Unterwelt, und das Hochland auch noch eine „Anderswelt“ kennt, ist die Borharcônische Vorstellung von Ebenen vielleicht gar nicht so fremdartig, wie man zunächst meint.

An Göttern wurden mir bekannt:
Andruch, der Himmelsgott – der mächtigste Geist, der auch das Schicksal der Menschen beeinflußt
Akemrin, die Erdmutter – zuständig für alles Leben, gut mit Poena vergleichbar
Liomne, deren Tochter – Hüterin des (Herd-)Feuers, ihr Rauch symbolisiert den Weltenbaum
Yom, weitere Tochter – Schutzherrin der Schwangeren, sie hütet die Seelen bis zur Wiedergeburt
Ayek, die Schwarze Mutter – Gegenspielerin Yoms, will die Mittelwelt, also unsere, beherrschen und muß daran gehindert werden
Nagy (w.) und Agy (m.), Sonne und Mond – sie gelten als die ersten Ahnen und werden gern in Dingen des Alltags angerufen
Darüber hinaus scheint es noch eine Vielzahl weiterer Götter, Ahnengeister, Stammes- und Sippengeister, gute wie böse zu geben. Ihre Wohnstätten sind in den verschiedensten Ebenen sind wenigstens den Arazslaken wohlbekannt.

Die Borharcôner verehren ihre Götter durch Rituale und Opfergaben wie Tee, Milch oder auch Tieropfer, bevorzugt an außergewöhnlichen Orten wie einem Berg, See oder Felsen. Auch darin wieder eine Ähnlichkeit zu Ogedischen Schreinen, die gerne bei Quellen oder alten Bäumen errichtet werden.
Die Aufgabe der Arazslaken besteht nun nicht darin, diese Opfer zu vermitteln, sondern das Gleichgewicht der Welten zu sichern, auch sind sie als Heiler tätig. Ihre Fähigkeit, zwischen den Ebenen zu reisen, hilft ihnen dabei. Die Krankheiten des Menschen werden durch ein Ungleichgewicht der einzelnen Seelen erklärt.
Außerdem scheint es sowohl Weiße als auch Schwarze Arazslaken zu geben. Erstere wirken zum Wohle der Menschen und der Welten, letztere verfolgen ihre eigenen Wege und richten oftmals viel Unheil an.

Atma, die Arazsla, die ich näher kennenlernen durfte, rief mich also mit Hilfe eines Traums zu sich, so wie die anderen Mitglieder ihrer Sippe. An ihrem Lager sprach sie mit jedem einzelnen, verteilte Aufgaben und nahm gleichzeitig Abschied. Sie sprach zu mir über ihre Sorgen und dunklen Vorahnungen und stellte mir Fragen zu unserem Glauben. Als ich ihr sagte, unsere Toten würden Sterne am Himmel werden, lachte sie und meinte, das wäre zwar eine schöne Vorstellung, aber viel zu weit weg von ihren Lieben. Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse war sie in großer Sorge, uns nicht mehr helfen zu können. Am nächsten Vormittag waren wir in ihrer Yurte versammelt und begleiteten sie in ihrer letzten Stunde. Sie gab uns bis zuletzt Ratschläge und tröstende Worte, und jeder der Anwesenden würde ihren Tod dort bezeugen. Zu aller Überraschung und auch dem Entsetzen mancher richtete sich die Tote aber nach einiger Zeit wieder auf, betrachtete ihre Hände und sagte „Ich habe den Tod überlistet“, wobei sie selbst am meisten erstaunt schien. Was auch immer passiert ist, Atma wurden noch mehrere Stunden Lebenszeit geschenkt, die wir aufgrund der Bedrohung der übernatürlichen Feinde gut gebrauchen konnten.
Letztendlich hatte ich den Eindruck dass diese Arazsla den Zeitpunkt ihres Todes sehr genau bestimmen konnte. So erwählte sie gegen Ende des Tages einen ganz bestimmten Platz „unter dem Himmel“ und ließ sich dort neben ihrem Nachfolger Kemren nieder. Sie verschenkte ihre Besitztümer, Amulette und mächtige Gegenstände, in denen Geister wohnten, an Kemren und die anderen Arazslaken, versammelte ihre Sippe um sich und schied stehend, mit einem gewaltigen Schrei aus dem Leben. Von allen Borharcônern wurde Atma als die Älteste und Weiseste unter ihnen bezeichnet, und ich bin dankbar, dass ich diese außergewöhnliche Frau ebenfalls kennenlernen durfte.

Neuer Weg nach Schwarzsee zerstört

Nicht wenig erstaunt war der Glefenbacher Fuhrmann Ingfred, als er – wie mehrmals im Jahr – am 27. des III. Saarka mit seinem Ochsenfuhrwerk eine Ladung Buchweizen über die neue Straße nach Schwarzsee karren wollte.
Natürlich hatte er damit gerechnet, dass es nach den ausgiebigen Regenfällen der letzten Wochen hier und da ein paar Stellen gibt, an denen auf der nur dürftig befestigten Straße die Räder etwas tiefer als sonst einsinken. Darum hatte er auch zwei kräftige Helfer mit Schaufeln dabei, die gemächlich neben dem Fuhrwerk entlangtrotteten und allzu matschige Stellen geschwind ausbessern könnten. Sie waren schon bei Morgengrauen aufgebrochen, auf dass sie bis zur Dämmerung auch sicher an ihrem Ziel ankommen würden.
So ging es zunächst recht zügig dahin. Auf der hervorragend ausgebauten Aximistiliusstraße ohnehin, und zunächst auch von der Abzweigung den dicht bewaldeten Hang hinauf Richtung Schwarzsee. Das ein oder andere Mal kamen die Schaufeln zum Einsatz, doch das war um diese Jahreszeit nichts Ungewöhnliches. Auch einen vom Sturm entwurzelten Baum, der die Straße versperrte, konnten sie mit dem kleinen Fuhrwerk noch umfahren.
Doch kurz bevor sie in einer natürlichen Scharte zwischen zwei Felswänden die Passhöhe des Weges erreichen hätten sollen, stießen sie auf ein Hindernis, das die drei Mann mit ihren zwei Schaufeln unmöglich beseitigen konnten: Es war als hätte der Berg den Weg verschluckt. Denn die Straße führte nun geradewegs hinein in einen mehrere Meter hohen Haufen aus Lehm und Geröll, der den Pass komplett versperrte. Einer der Begleiter kletterte auf den Geröllhaufen, um herauszufinden, wie breit der Erdrutsch denn war und wieviele Leute und Zeit man denn wohl brauche, um den Weg wieder passierbar zu machen. Doch das Hindernis war so groß, dass er es nicht einmal bis ganz nach oben schaffte. Unverrichteter Dinge musste der Fuhrmann also mit seinen Gehilfen umkehren.

Der neue Weg nach Schwarzsee ist damit auf unbestimmte Zeit gesperrt. Bis auf weiteres ist nun wieder der alte Weg durch die Schwarzbachklamm, der bekanntermaßen nur zu Fuß begehbar ist, die einzige Möglichkeit das Hochtal von Schwarzsee zu erreichen.

An eine Räumung des Erdrutsches ist vor dem Frühling nicht zu denken. Doch auch danach ist die Zukunft des Weges offen: Denn spätestens seit der Xurlgeweihte von Schwarzsee in der Kanzlei der Antrutzen vorstellig wurde, um zu fordern, dass die neue Straße aufgegeben werde, mehren sich die Stimmen, alles so zu belassen wie es ist. Denn es sei gegen Xurls Willen gewesen, dass die neue Straße errichtet werde, so habe er sie durch seine göttliche Kraft zerstört und Xurl werde auch weiterhin diese Straße nicht dulden. Diesmal sei es glimpflich ausgegangen, doch sollte man versuchen, die Straße wieder nutzbar zu machen, könnte das schlimme Folgen für die Beteiligten haben.
In der Tat hatten die Geweihten schon vor der Errichtung des neuen Weges davor gewarnt, die Bedeutung des alten Xurl-Schreins am Weg durch die Schwarzbachklamm durch den Bau eines neuen Weges zu verringern, da Xurl dadurch verärgert werden könne. Nach Ansicht der Schwarzseeer ist das nun eingetreten.

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